André Rieu & Mirusia - Wishing You Were Somehow Here Again (Phantom Of The Opera)

Das Leben ist wie eine Reise in einem Zug.


Wenn wir geboren werden und in diesen Zug einsteigen, treffen wir Menschen, von denen wir glauben, dass sie uns während unserer ganzen Reise begleiten werden: unsere Eltern.


Leider ist die Wahrheit eine andere. Sie steigen bei einer Station aus und lassen uns ohne ihre Liebe und Zuneigung, ohne ihre Freundschaft und Gesellschaft zurück.


Andere Personen, die für uns sehr wichtig werden, steigen in den Zug ein. Es sind unsere Geschwister, unsere Freunde und diese wunderbaren Menschen, die wir lieben.


Wilma Luise Betty Sowa ist am 1. Mai aus diesem Zug ausgestiegen. Unsere Mutter, unsere Oma, unsere Schwiegermutter, unsere Uroma ist nicht mehr da. Der Platz von Wilma, eurer Freundin, Nachbarin, Tante wird für immer leer bleiben.


Eingestiegen in den Zug ist sie als Wilma Luise Betty Köhn am 17. März 1935 in Oldenburg. Auf sie warteten dort bereits ihr Vater Theodor, ihre Mutter Agnes und die Geschwister Helmut, Egon, Ilse, Rolf, und Margot. Ein Jahr später kam noch ihre Schwester Ingeburg dazu.


Wilma hat ihre Kindheit in der Zeit des Krieges recht behütet erlebt - so gut es eben möglich war. Erst im Alter erzählte sie einiges davon. Kinderfotos aus dieser Zeit weckten immer wieder viele Erinnerungen.


Allerdings, wenn es Steckrüben-Eintopf gab, erinnerte sie sich, dass sie als Kleinste immer auf dem Dachboden in das enge Versteck krabbeln musste, um einige von den dort versteckten Lebensmitteln herauszuholen. Das mochte sie nicht. Es war ihr immer sehr unheimlich.


Und dass ihre kleine Schwester nicht in die Schule ging, weil sie eine Behinderung hatte. Die Mutter wusste, dass behinderte Kinder sehr gern zur Erholung geschickt wurden und dann nicht wieder nach Hause kamen.


So war das in den Zeiten des Krieges und des Nazi-Regimes.


Der große Bruder Helmut schenkte seiner kleinen Schwester Wilma während eines Heimaturlaubes einen Mantel und eine dazugehörige Kappe. Sie erzählte uns, dass er gern mit ihr spazieren ging und die Leute ihn für ihren Papa hielten, weil er schon so groß war. Leider kam ihr großer Bruder aus dem Krieg nicht zurück.


Nachdem sie die Schule beendet hatte, ging sie - so, wie es damals für Mädchen üblich war - zur Hauswirtschaftsschule und anschließend absolvierte sie eine Ausbildung zur Verkäuferin. In diesem Beruf ging sie auf. Viele Fotos gibt es aus dieser Zeit, die wir uns gerade in den letzten Wochen und Monaten oft angesehen haben.


Beim Tanzen in Oldenburgs Lokal „Krückeberg“ lernte sie „Anton“ kennen, der sich später als Josef entpuppte. Seinen richtigen Namen offenbarte er ihr aber erst, nachdem sie ihm ein mit Namen graviertes Zigarettenetui zu Weihnachten schenkte. Warum er sich ihr damals als „Anton“ vorstellte, haben wir nie erfahren.


Am 16. November 1956 heirateten Josef und Wilma, 1957 stieg das erste Kind in den Zug, Jörg war geboren.


Weil es in Oldenburg keine Arbeit gab, zog es die junge Familie nach Wolfsburg. Hier blühte das Volkswagenwerk auf und nach und nach stellte sich ein kleines bisschen Wohlstand ein.


Die Töchter Rosemarie und Heike stiegen in den Zug und 1963 komplettierte Ralf die Familie. Die Familie war Wilma immer wichtig, in dieser Zeit wurde Haushalt und Kindererziehung weitestgehend den Frauen überlassen.


Erst im Jahr 1969 begann sie wieder in ihrem Beruf zu arbeiten. Im Spar-Markt Merkle am Dunantplatz wurde sie Kassiererin. Damit war sie nun rundum zufrieden und ging in ihrer Arbeit auf.

Die sechziger und siebziger Jahre waren sehr schöne Jahre, auch wenn manchmal schwere Gewitter aufzogen. Die regelmäßigen Frühschoppen von Papa ließen sie oft verzweifeln, aber Tanzen bei Kauermann oder Rommé-Abende mit Grete und Bernhard Schulze - zusammen mit Kellergeister, feucht fröhliche Feten zu jeder Gelegenheit, sorgten für Versöhnung.

In dieser Zeit war sie Mitglied im Bertelsmann Club. Hieraus entstand eine beachtliche Sammlung an Büchern und Schallplatten. Vor allen Dingen hatte es ihr Roy Black angetan, den sie bis zuletzt immer wieder gern hörte.

Roy Black - Jeder braucht nen kleinen Flugplatz

Ich könnte noch einige Anekdoten erzählen aber vielleicht können wir das im Anschluss an die Trauerfeier im Restaurant „Alter Dorfkrug - Am Kanal“ tun? Meine Familie hat dort etwas vorbereiten lassen und wir würden uns freuen, wenn Sie / Ihr dort noch ein wenig Zeit mit uns verbringt.


1980 wurde eine schlimme Diagnose bei unserem Vater gestellt. Die Nieren stellten ihren Dienst ein. Wilma war bei der Heimdialyse die beste Krankenschwester, die sich Sepp wünschen konnte.

Diese Zeit hat sie sehr viel Kraft gekostet.  Die Enkelkinder, die ab 1978 ziemlich eilig nacheinander die Familie vergrößerten, gaben ihr viel Kraft zurück. An ihnen hatte sie viel Freude und schaffte es, zusätzlich zu ihrer eigenen Arbeit an der Kasse im Sparmarkt, der Pflege des Mannes an der künstlichen Niere, noch zeitweise beide ältesten Enkelkinder für eine Weile zu betreuen, damit deren Eltern in der ersten Zeit arbeiten und studieren konnten.

Die Enkelkinder wurden nach und nach nur noch von den Eltern betreut, der Ehemann bekam eine neue Niere und der Dialyse-Apparat, liebevoll Meta genannt, wurde nicht mehr gebraucht. Mama konnte wieder mehr für sich tun, war aber trotzdem immer für die Familie da. Das Haus war bei Geburtstagen oder an Feiertagen immer voll.


Wilma war stolz auf alle ihre Kinder und Schwiegerkinder, auf ihre Enkelkinder und Urenkelkinder. Lieb gewonnene Menschen stiegen aus dem Zug aus oder wechselten das Abteil, neue Menschen stiegen hinzu und wurden mit offenen Armen empfangen.


Nachdem Papa im Jahr 2006 starb, lebte sie allein. Sie kam gut zurecht, war aber zuletzt außerhalb der Wohnung  immer mehr auf Hilfe angewiesen. Dank ihrer Nachbarn, die sie großartig unterstützten, ging das lange Zeit gut. Helga und Kurt Kunz waren zuletzt nahezu täglich bei ihr und halfen mit Besorgungen und anderen Dingen.


Bis sie einwilligte, nach Sandkamp in die Wohngemeinschaft mit Tochter Rosi und Schwiegersohn Hansi zu ziehen, bedurfte es einige Jahre der Vorbereitung und Überzeugung. Im Jahr 2021, Rosi ging in den vorzeitigen Ruhestand, war es dann endlich soweit und Wilma zog nach 65 Jahren Eichelkamp noch einmal um.

Diese letzten beiden Jahre in Sandkamp waren durch viele Aufs und Abs geprägt. Man lernte sich hier noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive kennen. Nach wenigen Wochen hatte man sich recht gut zusammengerauft und das Zusammenleben verlief harmonisch. Im Frühjahr ´22 gab es einen gemeinsamen Urlaub an der Ostsee und dort hatte Wilma einige sehr schöne Tage.


Die Corona-Zeit hat viel dazu beigetragen, dass sie nicht mehr so viel Besuch bekam, wie sie es von früher kannte. Und die Tatsache, dass eines der Enkelkinder mit den Urenkeln das Abteil im Zug des Lebens verließ und in ein anderes Land umsiedelte, hat ihr das Herz schwer werden lassen. Auch die gesamte politische Lage hat sie oft sagen lassen: „Was die Kleinen wohl vom Leben noch zu erwarten haben“.


Wilma hatte sich von einem Schlaganfall im letzten Jahr wieder gut erholt, auch eine Infektion hatte sie auskuriert. Die letzten Wochen ging es immer weiter bergauf, sie brauchte ihren Rollstuhl fast gar nicht mehr und hatte in den letzten Tagen Ideen zur Gartengestaltung. Am Sonntag wurden noch gemeinsam Geranien gepflanzt, es wurde gerillt und gut gegessen. „Ich habe solchen Hunger, ich könnte den ganzen Tag essen“, sagte sie.


Für Montag, den 1. Mai hatte sie sich Spargel und Erdbeerkuchen gewünscht. Das war alles schon vorbereitet. Als sie zum Frühstück geholt werden sollte, lag sie noch friedlich schlafend in ihrem Bett.


Sie war diesmal für immer eingeschlafen - so, wie sie es sich gewünscht hatte.


Im Namen meiner Familie sage ich: Vielen Dank.


Vielen Dank für die Anteilnahme in den vergangenen Tagen. Vielen Dank für die Hilfsangebote. Vielen Dank, dass Sie und Ihr in dieser Stunde zusammen mit uns im Zug des Lebens sitzt.


Das große Mysterium der Reise mit diesem Zug ist, dass wir nicht wissen, wann wir aussteigen werden und genauso wenig, wann unsere Mitreisenden aussteigen werden.


Schauen wir darauf, dass wir eine gute Reise haben und dass sich am Ende die Mühe gelohnt hat.


Versuchen wir, dass wir beim Aussteigen einen leeren Sitz zurücklassen, der Sehnsucht und schöne Erinnerungen bei den Weiterreisenden hinterlässt.


Wilma, Mama, Mutter, Oma, Omi, Uroma Wilma - hinterlässt so einen Sitz.

André Rieu - You Raise me Up

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